
Vorwurf: verspätete Diagnose des Schlaganfalls
Ein typischer Vorwurf bei der Behandlung von Schlaganfällen ist, dass dieser zu spät erkannt wurde. Auf der Fehlerebene entsteht dann meist Streit darüber, welche Symptome wann eigentlich vorlagen.
Streit um den Zeitpunkt des Schlaganfalls
Im Protokoll des Notarztes, der Rettungssanitäter oder der Notaufnahme finden Sie nicht alle Symptome dokumentiert? Oder die Rettungssanitäter dokumentieren zwar Sehstörungen, aber im Aufnahmeprotokoll finden sich diese nicht?
Der Patient trägt die Beweislast für seine Behauptungen, welche Symptome wirklich vorlagen. Und es geht es nicht darum, wem Richter mehr glauben, sondern Tatrichter und Sachverständige dürfen vom Inhalt der Behandlungsakte ausgehen. Der Geschädigte muss seine Behauptung beweisen, ein Fehler sei ursächlich für einen Schaden geworden. Wie im Strafrecht gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Lesen Sie mehr dazu unter Beweislast.
Streit um die Ursächlichkeit der verspäteten Diagnose
Viele Patienten glauben, mit dem Beweis eines Arztfehlers wäre der Prozess gewonnen. Aber die Beweislast geht weiter: Der Geschädigt muss auch beweisen, inwieweit der Verlauf ohne Behandlungsfehler günstiger gewesen wäre. Wie kann der Patient das beweisen? Ein günstigerer Verlauf bei (früherer) Behandlung mag wahrscheinlich sein, aber nicht gewiss. Eine bloße Wahrscheinlichkeit genügt nicht.
An dieser Stelle hilft das Gesetz mit dem sogenannten "einfachen Befunderhebungsfehler" und kehrt zu Gunsten des Patienten die Beweislast um für den Beweis der Ursächlichkeit:
Hat der Behandelnde
- es versäumt, einen Befund zu erheben,
- der mit überwiegender Wahrscheinlichkeit (> 50 %)
- einen reaktionspflichtigen Befund gezeigt hätte
- (auf den nicht zu reagieren grob fehlerhaft erschiene),
dann wird von Gesetzes wegen vermutet, dass der Primärschaden und typische Sekundärschäden so nicht eingetreten wären, § 630 h Abs. 5 Satz 2 BGB.
So sind Fälle mit unterlassener Befunderhebung praktisch nur über diese Konstruktion des Gesetzgebers zu Gunsten des Patienten zu lösen.
In anderen europäischen Ländern wird das durchaus anders gelöst: Bei Verlust einer sechzigprozentigen Heilungschance, wird 60 % des hypothetischen Vorteils ersetzt (“perte de chance”. Ein System, das für Schädiger und Geschädigte deutlich nachvollziehbarer sein dürfte als das Prinzip “alles oder nichts”.
Schadenersatz für die Folgen eines Schlaganfalls
Die Folgen eines Schlaganfalls sind oft existenziell: Arbeitsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit, das Familienleben, die ganze Lebensplanung wird über den Haufen geworfen.
Je schwerer die gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind und desto länger sie andauern, desto höher ist das Schmerzensgeld. Wenn man Schmerzensgeldurteile liest, dann scheinen die meisten Richter erst bei einem Rollstuhl an Schmerzensgelder von 100.000 EUR aufwärts zu denken. Für die voraussichtliche Dauer der Beeinträchtigungen spielt auch immer das Lebensalter des Geschädigten und die restliche Lebenserwartung eine Rolle. Lesen Sie mehr dazu unter Schmerzensgeld.
Daneben sind finanzielle Schäden zu berechnen, insbesondere Verdienstausfall, Haushaltführungsschäden und Mehrkosten wegen Pflegebedarfs.